Es war am 20. Juli 1969, 4 Uhr morgens. Normalerweise schlafen Kinder mit 8 Jahren zu dieser Zeit. Aber an dem Tag war alles anders. Mein Vater kam ins Zimmer und weckte meinen Bruder und mich und holte uns vor den Fernseher. Die Mondlandung. Ich war dabei.

Ansprache beim Schulgottesdienst, Juli 2019

Es war am 20. Juli 1969, 4 Uhr morgens. Normalerweise schlafen Kinder mit 8 Jahren zu dieser Zeit. Aber an dem Tag war alles anders. Mein Vater kam ins Zimmer und weckte meinen Bruder und mich und holte uns vor den Fernseher. Die Mondlandung. Ich war dabei.

November 1989, 20 Jahre später. Bilder vom Fall der Berliner Mauer. Jubelnde Menschen, hupende Trabis, „Mauerspechte“ mit Hammer und Meißel, die sich Stücke aus der verhassten Grenzbefestigung schlugen. Ich war dabei, wenigstens am Fernseher.

Freitag, 25. Januar 2019, 50 Jahre später. Eine kleine Gruppe Schülerinnen und Schüler macht sich auf den Weg; Konsti und Carl, Julia und Lucy, Bruno und Maja und all die anderen laufen zum Rathaus. Was gibt’s da? Gerüchte von einer Demo machen die Runde. Es geht um die Zukunft. Mal sehen, was uns erwartet. Tatsächlich, da vorne steht ein Grüppchen Menschen, mit Fahnen und Plakaten, Trillerpfeife und Flüstertüte. Hüpfen und Rufen, Rote Karte Zeigen, Sprechgesang und Arme hoch – einmal auf einer Demo sein, eine neue Erfahrung… „Fridays for future“ – ich war dabei.

Der Rest ist bekannt. Viel Unsicherheit bei Kolleginnen und Kollegen, Sympathien und (Schul-)Rechtsfragen, Diskussion und Verbot, Verständnis und Nachsitzen – eine bunte Gemengelage. Aber es ist Leben in der Bude, und Schüler wachen auf…

Der Pulverdampf ist verraucht und das Thema angekommen. Mondlandung und Mauerfall – ich bin weit davon entfernt, unseren Demobesuch von damals in die Reihe dieser Großereignisse einzuordnen. Und doch verbindet uns eins auch mit diesen Geschehnissen: Wir sind Teil geworden eines Prozesses, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, Teil einer Initialzündung; Ihr wart dabei und wir sind dabei, wie sich ein epochaler, weltweiter Wandel vollzieht, eine ganz neue Perspektive auftut. Wir können, ja wir müssen die Welt verändern, anders leben lernen, Neues wagen.

Wir werden uns einen anderen Lebenssinn suchen müssen als den Konsum, das Immer-mehr, das Wachstum um jeden Preis. Der Materialismus ist an sein Ende gekommen, ein neuer Idealismus gesucht. Er könnte sich noch aus vielen Quellen speisen, wenn ein neues Denken organisiert werden soll: Aus den Quellen der Ideen und des guten Willens, der so viele Menschen immer noch antreibt. Aus den Kräften unseres Reichtums und Vermögens, wenn es sinnvoll und zukunftsträchtig eingesetzt wird. Aus den Sorgen der Eltern und Großeltern um die Zukunft der Kinder und Enkel. Aus den Visionen der Ethik und Religionen für ein gerechtes und menschliches Miteinander aller…

„Gott gab uns Hände, damit wir handeln“ ist das Motto des heutigen Gottesdienstes. Lassen wir uns nicht abhalten zu beginnen! All days for future! Löst euch von den alten Mustern, lasst euch nicht ab-bringen von euren Überzeugungen durch lähmende Widerstände der Besitzstandswahrer… Wir können so nicht weitermachen, wir dürfen so nicht weitermachen!

Wir haben begonnen mit dem 20. Juli vor 50 Jahren, der Mond-landung. Die Älteren unter uns verbinden mit diesem Tag noch ein anderes Ereignis, das Attentat auf Hitler. Auch damals waren die Widerständler wenige, und die vielen hätten wissen und handeln können, wenn mehr Sensibilität und Zivilcourage geherrscht hätten. Wir Heutigen können die Folgen unseres Verhaltens angesichts der Katastrophe viel klarer vorhersehen als die Verschwörer einst. Wenn wir heute fragen: Warum waren es damals nur so wenige – was werdet ihr Schüler uns in 20 Jahren, eure Kinder euch in 40 Jahren fragen? Wieder: Warum waren es damals nur so wenige – so viele mutlos und systemergeben?

Also: Vertraut den neuen Wegen, wie wir nachher singen werden. Die Anfänge sind gemacht, viel ist in Bewegung gekommen, wir sind mittendrin statt nur dabei. Gott gab und Hände, damit wir handeln – als Salz der Erde und Licht der Welt – all days: for future

M. Bünger

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