Gruppenfoto der AustauschteilnehmerInnen

Der Schüleraustausch zwischen dem KOSt und dem Gymnasium Nr. 1 in Samara feiert 2019 sein 20-Jähriges!

In diesen 20 Jahren ist viel passiert, woran wir uns immer wieder gerne erinnern…

„Sam & Olga“ oder 20 Jahre Schulpartnerschaft

„Am Anfang war es dunkel. Und dieses Dunkel war kalt. Aber uns wurde sofort warm, als wir mit Luftballons, Plakaten und vielen Umarmungen begrüßt wurden. Dann kam die Fahrt ins Ungewisse, nach Hause zu den Austauschpartnern.“ (Eine deutsche Schülerin über ihre ersten Eindrücke unmittelbar nach der Ankunft – um vier Uhr morgens – in Samara)

1999 – ziemlich lange her: für den VfB spielten Balakov und Bobic, die Deutschen zahlten mit der D-Mark, und bis zur Einführung von facebook sollte es noch fünf Jahre dauern.

Im April dieses fernen Jahres machte sich eine Gruppe von 13 Schülerinnen und Schülern des Königin-Olga-Stifts mit ihrem Russischlehrer auf den Weg zum Gymnasium Nr. 1 in Samara. Samara? Kaum jemand konnte mit diesem Namen etwas anfangen: die Millionenstadt an der Wolga, früher Kujbyschev genannt, war zwar schon seit 1992 Stuttgarts jüngste Partnerstadt, aber als Zentrum der sowjetischen Luft- und Raumfahrtindustrie bis zum Ende der Sowjetunion für Ausländer nicht zugänglich gewesen: eine sogenannte „geschlossene Stadt“. Nachdem die evangelische Kirche und das „Olgäle“-Krankenhaus erste Kontakte geschlossen hatten, reihte sich unsere Schule also in die Riege der Pioniere ein, die diese Städtepartnerschaft mit Leben erfüllen wollten. Es war damals nicht unbedingt zu erwarten, dass aus diesem mutigen Schritt eine 20-jährige, stabile und freundschaftliche Beziehung zweier recht unterschiedlicher Schulen werden sollte. Eine lediglich einmalige Initiative blieb die zweiwöchige Hospitation zweier russischer Lehrerinnen am Königin-Olga-Stift im Jahre 2000. Dafür gedieh der Schüleraustausch umso besser: Unter der Ägide von fünf Schulleiterinnen und –leitern fuhren bei insgesamt 21 Begegnungsreisen (das heißt, kontinuierlich eine jedes Jahr!) rund 280 Schülerinnen und Schüler sowie 17 Lehrerinnen und Lehrer zu ihren Partnern. Das für manchen Austausch typische Problem, am Engagement einer bestimmten Person zu hängen und nach deren Ausscheiden zu enden, scheint in diesem Falle glücklicher Weise nicht zu bestehen.

Worin besteht der Austausch? Bei mancher Veränderung im Detail hat sich das Grundmuster über die Jahre erhalten: Innerhalb eines Schuljahres findet je ein Besuch in Samara und in Stuttgart statt. Dabei sind die Schülerinnen und Schüler – ebenso wie die Begleitpersonen – für etwa zwei Wochen bei gastgebenden Familien untergebracht. Zusammen mit ihren Partnerinnen und Partnern besuchen sie den Unterricht, nehmen an einem von der Partner-schule organisierten touristisch-kulturellen Programm teil und arbeiten an einem Projekt.

„Dir russischen Schüler lernen viel mehr und schneller, und die Klassenzimmer sind hier wie Wohnzimmer eingerichtet.“ (ein deutscher Schüler über das Gymnasium Nr. 1, 2001)

„Die Internationalität der Schüler hat uns gewundert: Chinesen, Türken, Dunkelhäutige zu sehen ist keine Seltenheit. Aber trotz der nationalen Buntheit des Kollektivs entstehen aus diesem Grund keine Konflikte; die Kinder vertragen sich sehr gut.“ (eine russische Schülerin über das Königin-Olga-Stift, 2001)

Die Teilnahme am Unterricht ist spannend, schnell bemerken die Schülerinnen und Schüler gravierende Unterschiede: in der russischen Schule gleichen viele Stunden eher einer Vorlesung, Tempo und Disziplin sind höher, aber die Benutzung von Handys ist erlaubt; in der deutschen Schule gibt es eine größere methodische Vielfalt, auch ist die Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler deutlich höher. Das Gymnasium Nr. 1 beeindruckt durch seine technisch hervorragend Ausstattung und einen ebensolchen baulichen Zustand. Besondere Freude haben die deutschen Gäste an den „Kleinen“ mit ihren Schleifen im Haar und den Schuluniformen – im Gymnasium Nr. 1 werden auch die Grundschulklassen unterrichtet.

Projekte haben im Laufe der Zeit stark an Bedeutung gewonnen, weil deutlich wurde, dass die Partnerinnen und Partner sich bei der gemeinsamen Arbeit schneller kennen lernen und mehr in der jeweils anderen Sprache sprechen (müssen), und natürlich ist es auch viel motivierender, im eigenen Werk eigene Ideen verwirklichen zu können. Die inhaltliche Vielfalt der Projekte ist eindrucksvoll: so entstanden Schülerzeitschriften („Sam & Olga“ ist eine davon!), Sketche wurden erarbeitet und Straßeninterviews geführt, man spielte gemeinsam Theater, verfasste Gedichte über das Austauscherlebnis und erlernte die Kunst des Debattierens, Fotostories wurden ersonnen und den historischen Spuren von Deutschen und Russen in den Partnerstädten nachgegangen.

„Hier haben die Kinder mehr Respekt vor den Eltern.“ – „Es gibt keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen.“„In Deutschland möchten die Kinder so schnell wie möglich von zuhause ausziehen; hier in Russland sind die Jugendlichen viel familienverbundener.“ (Antworten deutscher Schülerinnen und Schüler auf die Frage, ob sich Familien in Deutschland und Russland unterscheiden)

Besonders spannend und mit vielen landeskundlichen Aha-Erlebnissen für die jungen Leute verbunden ist das Eintauchen in das Alltagsleben der gastgebenden Familien: was werde ich zu essen und zu trinken bekommen? Wie wohnen? Wie verbringt mein Partner seine Freizeit? Verstärkt werden diese Eindrücke durch das Begleitprogramm mit Stadtrundfahrten, Besichtigungen, Treffen mit Vertretern verschiedener Einrichtungen. So versetzt etwa ein Besuch des „Stalin-Bunkers“ die deutschen Schülerinnen und Schüler unversehens in die Zeit des Zweiten Weltkriegs, als Samara für den Fall einer Eroberung Moskaus als „Ersatz-Hauptstadt“ vorgesehen war, oder informiert sie ein Besuch im „Deutschen Zentrum“ in Samara über die weithin unbekannte Geschichte der Deutschen an der Wolga seit dem 18. Jahrhundert. Unvergesslich bleiben sicher auch die Tage in Moskau, die schon seit Langem den Abschluss der Reise bilden: Größe und pulsierende Lebendigkeit dieser Metropole sind für den, der sie zum ersten Mal erlebt, umwerfend, und Orte zu sehen, wie etwa den Kreml oder den Roten Platz, die man bisher nur vom Fernsehen und natürlich aus dem Schulbuch kannte, schafft bleibende Eindrücke.

Blickt man auf die vergangenen 20 Jahre zurück, so stellt man schnell fest, dass der Aufwand, einen Austausch durchzuführen, deutlich zugenommen hat: auf die Zusammenstellung der „Paare“ wird sehr viel Sorgfalt verwandt, die Einbeziehung der Eltern in Planung und Durchführung ist ebenso stärker geworden wie die nachträgliche Bewertung der Begegnungen durch die Schülerinnen und Schüler; nicht zuletzt haben Formalitäten an Bedeutung gewonnen, etwa die Erteilung einer Erlaubnis, Bildmaterial veröffentlichen zu dürfen oder die zeitweise Abtretung der Erziehungsberechtigung an die begleitenden Lehrkräfte. Standen in den ersten Jahren nur Fax und (teure) Telefonate für die Kommunikation zur Verfügung, so wäre heute vieles ohne den Einsatz moderner Medien gar nicht durchzuführen; nicht zuletzt ermöglichen Handy & Co. es den Schülerinnen und Schülern auch, bereits vor dem Austausch Kontakt aufzunehmen und ihn des Öfteren auch noch danach aufrecht zu erhalten, worum es ja letzten Endes geht.

„Ich bin in meiner Gastfamilie schon das zweite Mal, und es beeindruckt mich immer, wie gastfreundlich sie sind. Es war außerordentlich angenehm, wie sie mich angenommen haben. Die Mutter hat gesagt, dass ich in ihrer Familie immer willkommen bin. Das waren die wichtigsten Wörter für mich.“ (Ein russischer Schüler auf die Frage, was für ihn das Wichtigste war, was er während des Austauschs erlebte, 2015)

Beim Rückblick stellt sich ein Gefühl großer Dankbarkeit ein. Wir hatten viel Glück: die politische Lage erlaubte es immer, den Austausch durchzuführen (selbst im Jahr 2004, als die Reise wegen mehrerer Terrorakte in Russland auf der Kippe stand), und wir blieben in all den Jahren von ernsthaften Zwischenfällen oder Krankheiten verschont. Vor allem aber gilt die Dankbarkeit denjenigen, ohne die es keinen Austausch gäbe – den Schülerinnen und Schülern, den Eltern und den Lehrerinnen und Lehrern. Es ist sicher nicht immer einfach für Schülerinnen und Schüler, ihren vertrauten Alltag zu verlassen und sich auf etwas ganz Unbekanntes einzulassen – eine fremde Familie, eine Sprache, in der man sich noch wenig zuhause fühlt, möglicher Weise weniger Komfort… Es ist immer wieder eindrucksvoll zu sehen, wie die jungen Leute auch in anstrengenden und schwierigen Situationen letztlich klar kommen und mitziehen. Ähnliches gilt für die gastgebenden Familien, die bereit sind, Zeit und Geld aufzuwenden, sich gelegentlich auch einzuschränken, und für ein fremdes Kind Verantwortung zu übernehmen. Für die Lehrkräfte der gastgebenden Schule bedeutet die Durchführung eines Austauschs eine Menge zusätzlicher Arbeit; nicht nur für die Organisatoren im engeren Sinne, sondern auch für die anderen Kolleginnen und Kollegen, die die Gäste in ihrem Unterricht mitbetreuen, an Exkursionen teilnehmen oder die Begleitpersonen der anderen Schule bei sich aufnehmen.

Und schließlich gilt der Dank auch all denjenigen Institutionen, die den Austausch materiell, oft aber auch ideell so großzügig unterstützt haben, dass die Kosten für die Eltern erträglich blieben, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein anspruchsvolles Programm angeboten und teilweise aufwändige Projekte durchgeführt werden konnten: der Internationalen Abteilung der Stadt Stuttgart, der Robert-Breuning-Stiftung, der BOSCH-Stiftung und dem Haus der Heimat Stuttgart. Einzigartig in diesem Zusammenhang war das Engagement der Firma HP in Böblingen, die 2001 dem Gymnasium in Samara IT-Ausstattung im Wert von mehr als 42 000 DM zur Verfügung stellte.

Am Ende bleibt der Wunsch, dass die Partnerschaft zwischen dem Königin-Olga-Stift Stuttgart und dem Gymnasien Nr. 1 in Samara sich auch weiterhin so vertrauensvoll und produktiv entwickelt wie bisher. Längst ist der Schüleraustausch ein Teil des Markenkerns beider Schulen geworden und von wesentlicher Bedeutung für die Akzeptanz der jeweiligen Fremdsprache bei den Eltern, Lehrern und Schulleitungen. Die Begegnungen erweitern nicht nur das Wissen und die Sprachkompetenz der jungen Menschen; sie tragen auch zu einer Erweiterung ihres Horizonts bei und stärken sie in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit.

Die Erfahrung von Gastfreundschaft, die von den deutschen Schülerinnen und Schülern immer wieder aufs Neue als überwältigend empfunden wird, die Erkenntnis, trotz aller Verschiedenheit der beiden Länder mit dem jeweiligen Partner im Lebensstil, bei Wünschen und Interessen sehr viel gemeinsam zu haben, und der oft über den Austausch hinaus weiter bestehende Kontakt geben Mut zu glauben, dass Schüleraustausch auch einen Beitrag zum gegenseitigen Verstehen von Deutschen und Russen leisten kann.

„Am Flughafen fing alles an, da gingen wir mit Vorsicht ran.
Man wechselte auch Worte über heimatliche Orte.
Von Freundschaft war man weit entfernt, doch am Wochenende hat man sich kennen gelernt.
Gelacht, geweint, geredet, erzählt – das ist‘s, was uns zusammen hält.
Als Gruppe, zu zweit und auch mal zu viert lachend durch die Straßen geirrt.
Am Bahnsteig dann umarmt, geweint – das ist das, was Freundschaft meint.
Ein Foto noch hier, ein Foto noch da, am Ende wird uns allen klar:
Die russische Zeit für immer gegessen, aber es sind Erinnerungen, die wir nie vergessen.“
(Beitrag einer deutschen Schülerin im Poetry Slam-Projekt, 2016)

Rudolf Drescher
(Stellvertretender Schulleiter i.R. am Königin-Olga-Stift Stuttgart)

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